Seit dem 10. Dezember 2025 gilt in Australien der Online Safety Amendment Act 2024¹ – ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Spätestens seit dieser Einführung ist ein solches Verbot auch in Europa ein großes Thema. Am 26. Jänner 2026 hat Frankreich im Parlament einen Gesetzesentwurf zur Debatte und anschließenden Abstimmung eingebracht. Dieser wurde mehrheitlich angenommen und soll Menschen unter 15 Jahren den Zugang zu sozialen Medien verbieten.
Auch in Österreich ist die Nutzung sozialer Medien rechtlich geregelt: Plattformen dürfen keine personenbezogenen Daten von Personen unter 14 Jahren verarbeiten, außer es liegt eine Zustimmung der Eltern vor². In der Praxis hindert das junge Menschen unter 14 Jahren jedoch nur selten daran, soziale Medien zu nutzen. Warum Plattformen wie TikTok oder Instagram eine Gefahr für junge Menschen darstellen können, liegt unter anderem am Algorithmus. Dieser kann Menschen sehr rasch in problematische oder gefährliche Inhalte ziehen. Mehr dazu findet sich auch in einem Interview der Wiener Zeitung mit Matthias Jax von Saferinternet.at³.

Dass diese Gefahren jedoch nicht nur junge Menschen, sondern uns alle betreffen, wird oft übersehen. Es fällt uns leichter zu sagen, die anderen seien gefährdet, als anzuerkennen, dass wir alle betroffen sind. Wenn wir in der U-Bahn sitzen, sehen wir nicht nur junge Menschen, die sich in eine alternative Realität zurückziehen. Ein Großteil der Menschen taucht in das Smartphone ein – umgeben von fast ausschließlich nicht-europäischen Produkten: In der Hand ein südkoreanisches Smartphone, darauf ein Betriebssystem aus den USA, TikTok aus China und Telegram aus Russland. Der überwiegende Teil der Software, die wir täglich nutzen, liegt in der Hand von US-amerikanischen Unternehmen.

Eine mögliche Begründung liegt darin, dass in der EU sehr strenge Datenschutzregeln gelten. Das ist grundsätzlich positiv und dient dem Schutz der Menschen. Gleichzeitig stellt es europäische Unternehmen vor große Herausforderungen, mit der Konkurrenz aus den USA oder China mitzuhalten. Diese Unternehmen unterliegen oft deutlich weniger strengen Regeln und haben dadurch einen klaren Wettbewerbsvorteil. Sie sind meist schneller in der Entwicklung neuer Software – insbesondere im Bereich der sozialen Medien. Ähnliches lässt sich auch bei KI-Chatbots beobachten. Oder nutzen Sie selbst einen europäischen KI-Chatbot?
Natürlich lässt sich die Frage danach, warum es so wenig populäre Soziale Medien aus Europa gibt, nicht einfach nur mit einer strengen Datenschutzregelung in Europa erklären. Die Welt ist komplexer als das. Zu diesem Thema hat sich auch Inside Digital⁴ Gedanken gemacht. Bei einem Presse Artikel geht es verstärkt um “Made in Europe”⁵

Wir haben es uns als Gesellschaft auch sehr bequem gemacht und ignorieren, dass es dadurch unbequem werden könnte. Wir wollen Software nutzen, die gut funktioniert und blenden dabei oft aus, dass diese Software uns persönlich, aber auch unserer Gesellschaft schaden kann. Genau hier müssen wir aus meiner Sicht umdenken. Es muss uns wichtig werden, was Unternehmen mit unseren Daten machen und wie sie versuchen, unsere Aufmerksamkeit zu binden. Es darf uns nicht länger egal sein, wer an den Hebeln unserer persönlichen Streams sitzt. Wer entscheidet, was auf meiner For-You-Page erscheint? Und wer bestimmt, was unsere Kinder sehen, hören und spielen?

Natürlich kann man sich hier auch eine grundsätzliche Frage stellen: Vertraue ich eher einem europäischen oder einem nicht-europäischen Unternehmen? Und in weiterer Folge: Wer wird sich langfristig stärker um das Wohlergehen von Europäer*innen kümmern – europäische Unternehmen oder nicht-europäische?
Wenn wir der Meinung sind, dass es sinnvoll ist, in Europa auch Software aus Europa zu nutzen, dann sollten wir das einerseits vorleben und andererseits sichtbar machen, dass es diese Möglichkeiten gibt. Denn oft gibt es zu wenig Wissen darüber, dass es bereits viele Alternativen gibt. Genau das dürfte sich auch Constantin Graf⁶ aus Wien gedacht haben. Er hat mit European Alternatives eine sehr übersichtliche Website geschaffen, die europäische Alternativen zu gängigen digitalen Diensten sammelt. Dort finden sich unter anderem Cloud-Anbieter, Suchmaschinen, E-Mail-Dienste, Navigations-Apps, Übersetzer, Filehosting-Dienste, Social-Media-Plattformen, Zahlungsanbieter und vieles mehr.
Hier geht es zur Website: https://european-alternatives.eu

Als Saferinternet.at Trainer ist es mir ein großes Anliegen, einen Beitrag zu einem sicheren digitalen Leben in Österreich und Europa zu leisten. Ich halte es für enorm wichtig, dass wir Europäer*innen in Bereichen, die unser Leben so stark beeinflussen, selbstständiger, erwachsener, souveräner und zugleich umsichtiger werden.
Bei unseren Projekttagen achten wir stets darauf, eine klare Smartphone-Regelung zu haben. Entweder reisen die Schulklassen bereits ohne Smartphone an, was seit dem Handy- bzw. Smartphone-Verbot für Schüler*innen bis zur achten Schulstufe deutlich leichter geworden ist oder es gibt klare Regelungen, die unsere Programmzeiten während der Projekttage Smartphone frei halten. Ich bin und war selbst als Trainer auf vielen Projekttagen dabei und konnte vor Ort beobachten, wie groß der Unterschied ist, wenn eine Klasse diese Regelung hat oder eben nicht. Der Mehrwert einer smartphonefreien Zeit übersteigt aus meiner Sicht die anfänglichen Murrereien der Schüler*innen um ein Vielfaches. Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig diese Zeiten ohne digitale Geräte sind und bin dabei selbst leider viel zu oft auf meinem Smartphone.

¹ Online Safety Amendment Act 2024 (Australien)
² RIS – Datenschutzgesetz § 4 Abs. 4
³Interview der Wiener Zeitung mit Matthias Jax
https://www.wienerzeitung.at/a/jugendschutz-ginge-auch-ohne-die-eu
⁴Artikel zu Sozialen Medien und den Rückstand den Europa in diesem Bereich hat
⁵Artikel zur digitalen Souveränität von Europa
https://www.diepresse.com/20628627/made-in-europe-ist-machbar-die-zeit-zum-handeln-ist-jetzt
⁶ Constantin Graf - European Alternatives
